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Objekt des Monats
Oktober 2026

Das Grabmal Napoleons im Invalidendom (Dôme des Invalides)

Timo G. Nijland (Utrecht)


Hintergrund

Etwa zwanzig Jahre nach seinem Tod auf St. Helena wurde der Leichnam des verbannten französischen Kaisers Napoleon nach Frankreich zurückgebracht. Er wurde vorübergehend in einer Seitenkapelle des Dôme des Invalides in Paris beigesetzt. Im Jahr 1861 erhielt er sein heutiges Grabmal im zentralen Innenraum des Dôme, das vom Architekten Louis Tullio Visconti (1791–1853) entworfen wurde. Visconti entwarf einen massiven, nach Meinung vieler zu einfachen Sarkophag, der jedoch mit wunderschönem Naturstein verziert ist. Die Natursteine suchte er selbstverständlich zunächst in Frankreich selbst.

Die Naturwerksteine

Zunächst der Marbre Grand Antique, eine spektakuläre schwarz-weiße Marmorbrekzie aus dem Aptium in den Zentralpyrenäen, die bereits von den Römern verwendet und zu Beginn des 19. Jahrhunderts wiederentdeckt wurde. Visconti verwendete ihn unter anderem für die vier Säulen, die den Baldachin tragen, die 72 Pilaster sowie die neuen Gräber für Napoléons Generäle Bertrand und Duroc.




Balustrade am Altar aus Grand Antique Marmor im Invalidendom, Paris.| Zum Vergrößern ins Bild klicken.



Darüber hinaus verwendete Visconti einen grünen „Marmor“, in Wirklichkeit einen Ophicalcit, der unter verschiedenen Namen wie Vert des Alpes, Vert Maurin usw. bekannt ist. Zwischen 1841 und 1844 wurden 47 m³ von H. Perroncel aus Grenoble nach Paris verschickt, aus dem Steinbruch von Ceillac im Cristillan-Tal (Queyras) stammend. Perroncel war besonders stolz auf seinen Beitrag zum Grabmal Napoleons und nannte seinen Stein fortan Brèche Napoléon. Dieser Ophicalcit findet sich unter anderem am Altar, an den Sockeln der Säulen aus Marbre Grand Antique, am Eingang zur Krypta sowie auf einem Teil der Fußböden.

Perroncel lieferte auch den schwarzen Marmor über der Tür der Krypta, der aus dem Steinbruch Sainte-Luce im Departement Isère stammte. Visconti verarbeitete außerdem den knotigen Marmor aus Campan und Sarrancolin aus den Pyrenäen, Rouge de Languedoc aus Caunes (Minervois), Süßwasserkalk aus dem Tertiär von Château-Landon (Seine-et-Marne) sowie Lunel Fleury aus dem Boulonnais. Den weißen Marmor bezog er aus Carrara (Carrara Marmor). Die Größe und Qualität der französischen weißen Marmorsorten, die ihm angeboten wurden, hielt er für unzureichend, obwohl er eine kleine Menge aus Saint-Béat (Pyrenäen) verwendete. Insgesamt lieferten die italienischen Steinbrüche zwischen 1845 und 1852 mehr als 500 m³ weißen Marmor für das Grabmal Napoleons.

Die Suche nach den richtigen "kaiserlichen" Gesteinen

Für Napoleons Sarkophag hatte Visconti sein Augenmerk auf die beiden prestigeträchtigsten „Granite“ der Antike gerichtet: Porfiro Rosso Antico, auch bekannt als kaiserlicher Porphyr, für den Sarkophag selbst und Porfiro Verde Antico für den Sockel – etwas, das bei diesen Abmessungen seit dem alten Ägypten niemand mehr realisiert hatte. Napoleon kannte sie zweifellos selbst. Beispiele für beide Gesteinsarten sind unter anderem in der in seinem Auftrag herausgegebenen „Description de l’Égypte“ abgebildet. Obwohl die Lage der alten Steinbrüche bereits einige Jahrzehnte zuvor wiederentdeckt worden war, lagen sie so abgelegen und befanden sich in einem derart desolaten Zustand, dass es unmöglich war, von dort geeigneten Stein zu gewinnen. Auch die Briten sahen keine Notwendigkeit, allzu aktiv mitzuwirken. Eine Suche der französischen Behörden unter anderem in Italien und Griechenland blieb ebenfalls erfolglos.

Visconti widmete sich mehrere Jahre lang der Suche nach Alternativen. Schließlich fand er in den Vogesen eine Alternative zum Porfido Verde Antico. Es war bekannt, dass es dort Andesite gab, die den berühmten Porphyrsteinen aus der Antike sehr ähnlich waren. Bei Bourbach-le-Haut ist auf der heutigen geologischen Karte noch immer ein Gestein als Porphyre Vert Antique verzeichnet. Die Porphyre gehören zu einer Phase des frühkarbonischen Magmatismus (ca. 340 Millionen Jahre). Visconti entschied sich schließlich für den Andesit aus Ternuay als Sockel für Napoleons Grabmal.

Nun musste Visconti noch eine Alternative zum Porfiro Rosso Antico finden. Diese fand er, als einige Proben eines besonders schönen roten Gesteins aus Russland in Paris eintrafen. Das Gestein wurde vom Absender als Porfiro Rosso Antico bezeichnet und stammte aus Shoksha an den Ufern des Onegasees in Karelien. Der Stein wurde in Russland selbst seit Beginn des 19. Jahrhunderts für die Verkleidung verschiedener Kathedralen und anderer Denkmäler (und später unter anderem für das Lenin-Mausoleum) verwendet. Mit Hilfe von Zar Nikolaus I. (1796–1855) gelang es Visconti, genügend Steinblöcke nach Frankreich zu bringen. Der Zar erteilte nicht nur die Genehmigung, gewährte aber auch Steuerbefreiung und verlangte ebenfalls kein Geld für die Blöcke. Die Franzosen bezahlten lediglich die Erschließung des Steinbruchs und den Transport.

Der rote Stein ist jedoch kein Porphyr, sondern ein Quarzit, der Shoksha Quarzit, mit etwa 95 % (rekristallisiertem) Quarz. Hämatit um die Quarzkörner herum färbt den Stein rot. Obwohl es sich um ein metamorphes Gestein handelt, weist es dennoch immer noch Gradierung und kreuz und quer verlaufende Schichten auf. Es hat eine sehr hohe Druckfestigkeit (> 200 N/mm²) und eine sehr geringe Wasseraufnahme (< 0,2 %). Die Shoksha-Formation wurde über einen langen Zeitraum hinweg, vor 1,91 bis 1,75 Milliarden Jahren, abgelagert.




Der Sarkophag Napoleons aus Shoksha Quarzit | Zum Vergrößern ins Bild klicken.


Am Ende seiner Suche nach geeignetem Naturstein stellte Visconti fest, dass er kein einziges Gestein aus Napoleons Heimat Korsika in das Grabmal integriert hatte. Die angebotenen korsischen Granite hatte er abgelehnt. Er erwog kleine Änderungen, um doch noch ein Gestein aus Korsika in das Grabmal einzubeziehen, doch letztendlich kam es nicht dazu. Auch der berühmte Kugeldiorit wurde nicht verwendet.




Der Invalidendom in Paris, ursprünglich eine Kirche, die 1840 zur Grabstätte für Napoleon umgebaut wurde. | Zum Vergrößern ins Bild klicken.



Krypta und Sarkophag Napoleons. Bezeichnung der Gesteine in Anlehnung an TOURET & BULAKH (2016) | Zum Vergrößern ins Bild klicken.
1 - 5: Carrara Marmor;
6, 16, 17: Mont Thillet (Ternuay, Vogesen) Grüner Andesit
7: Schwarzer Marmor "St. Lucie"
8, 10, 12: Roter Marmor "Griotte"
9, 11, 13: Weißer Marmor (mit farbigen Emailleplättchen verziert)
14: Grauer Marmor, vermutlich Lunel Fleuri (Boulogne-sur-Mer, Nordfrankreich)
18: Shoksha Quarzit




Der Sarkophag (Grand Antique Marbre) von Joseph Bonaparte (1768 - 1844). Joseph Bonaparte war der älteste Bruder Napoleons und wurde von diesem als Joseph I. (Giuseppe I) zum König von Neapel (1806–1808) und dann als Joseph I. (José I) zum König von Spanien (1808–1813) eingesetzt. Der Sarkophag befindet sich ebenfalls im Invalidendom | Zum Vergrößern ins Bild klicken.


Alle Fotos © Timo G. Nijland (Utrecht)

Letzte Änderung: 23. Oktober 2026


Titelbild:
Der Sarkophag Napoleons I.

Objekt:
Der Sarkophag Napoleons

Lage:
Hôtel des Invalides
(Dôme des Invalides, Église du Dôme)
129, rue de Grenelle
75007 Paris, Frankreich

Land
Frankreich

GPS:
48.856290 N, 2.312748 E


Entstehungszeit/Errichtung:
1679 bis 1708 Bau der Église du Dôme des Invalides
1840 Invalidendom (Beginn Umbau zur Grabstätte)
1861 Umsetzung des Leichnams Napoleons aus einer Seitenkapelle des Invalidendoms in die ausgeschmückte Krypta

Gesteine:
  • Marbre Grand Antique
  • Vert des Alpes, Vert Maurin
  • Brèche Napoléon
  • Marmor aus Campan und Sarrancolin
  • Rouge de Languedoc aus Caunes (Minervois)
  • Süßwasserkalk aus dem Tertiär von Château-Landon (Seine-et-Marne)
  • Lunel Fleuri aus dem Boulonnais
  • Marmor aus Saint-Béat (Pyrenäen)
  • Porfiro Rosso Antico
  • Porfiro Verde Antico
  • Porphyre Vert Antique
  • Shoksha Quarzit

Alter:
Shoksha Quarzit (Sedimentionsalter: 1,91 bis 1,75 Milliarden Jahren)

Zum Weiterlesen:

TOURET, J.L.R. & BULAKH, A.G. (2016): The Russian contribution to the edification of the Napoleon tombstone in Paris. Vestnik of St. Peterburg University, Arts 15(3):70-83.
https://artsjournal.spbu.ru/article/view/2000/1783
Hinweis: Link auf eine Webseite in Russland.

TOURET, J.L.R.. & NIJLAND, T.G. (2016): Het graf van Napoléon in de Dôme des Invalides in Parijs. GeoBrief 41(3):4-7.
https://www.kngmg.nl/wp-content/uploads/2016/03/Geobrief-2015-3.pdf (auf Niederländisch)

BULAKH, A.G. (2015): 'Porphyries' from Russia and Sweden used in St Petersburg and Russian 'porphyry' used in Paris: Misuse of a geological term for some possible candidate as a Global Heritage Stone Resource. Episodes 38:114-117.
https://www.episodes.org/journal/view.html?doi=10.18814/epiiugs/2015/v38i2/007


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